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Jeroen van Dijk

Alter: 34.
Seit Juli 2005 Bundestrainer beim DBV.
Sechsmal Niederländischer Meister im Einzel zwischen 1992 und '98.
EM-Bronze 1996, dreimal Teilnehmer am Grand-Prix-Finale.
Beste Weltranglistenplatzierung: 6. Platz.
Das Foto von Peter J. De Bruyn stammt aus dem Jahr 1992. In jenem Jahr erreichte Jeroen bei den US Open, die als olympisches Testturnier in Atlanta liefen, das Halbfinale.

 

Jeroen van Dijk (li) mit DBV-Vizepräsident Dietrich Heppner bei seinem Amtsantritt Anfang Juli 2005. Foto: DBV.
Als Coach beim Thomas Cup 2006 '...mit Roman Spitko.
...mit Björn Joppien.
...mit Michael Fuchs (li) und Tim Dettmann. Fotos: Edwin Leung.

Seit einem Jahr arbeitet Jeroen van Dijk als Bundestrainer am Olympiastützpunkt Saarbrücken - Anlass für eine erste Zwischenbilanz

    

„Wir müssen unsere Athleten dazu bringen, immer wieder in ihren eigenen Grenzbereich vorzustoßen“

    

(1.8.06) Am 1. Juli 2005 trat der ehemalige Weltklassespieler Jeroen van Dijk seine Tätigkeit als Bundestrainer beim Deutschen Badminton-Verband an. Stationiert ist er am Olympiastützpunkt in Saarbrücken. Dort ist er verantwortlich für das Training der Herren und für das von Xu Huaiwen. badminton.de zog mit ihm die Bilanz seines ersten Jahres.


Sie sind jetzt ein Jahr in Deutschland. Wie war die Eingewöhnung?
Gut. Ich bin am 1. Juli im letzten Jahr gekommen. Ich habe eine schön gelegene Wohnung in Schafbrücke, das ist ein Stadtteil von Saarbrücken, halb an einem Berg gelegen. Und bis zum OSP sind es zehn Minuten mit dem Auto.
Haben Sie sich als Holländer denn schon auf die deutsche Mentalität eingestellt?
Ich hatte die letzten fünf Jahre vorher in Dänemark gelebt, da hab ich das Gefühl für Holland schon ein wenig verloren. Und das Verhältnis Holland gegen Deutschland hab ich nie als Problem gesehen. Allerdings, als ich zuletzt bei den Dutch Open als Coach war und im April bei der EM in Den Bosch, da hatte ich das Gefühl, einige der normalen Leute in der Halle hatten Probleme damit, dass ich jetzt in Deutschland arbeite.
Wie machte sich das bemerkbar?
Sie habe darüber geredet und Witze gemacht. Aber ich habe ihnen dann einen Gegenwitz erzählt.
Welchen?
Warum haben die holländischen Kinder an der Grenze zu Deutschland so große Ohren? – Weil ihre Väter sie so oft an den Ohren hochheben und ihnen über die Grenze hinweg zeigen: Dort wohnt ein Fußball-Weltmeister.
Ihre Frau lebt aber weiterhin in Dänemark?
Ja. Wir haben 1999 geheiratet. Sie hat dort ein Geschäft für Hochzeitskarten, in Lyngby bei Kopenhagen. Sie wird erst mal dort bleiben. In Saarbrücken hätte sie ja auch nicht viel von mir, weil ich so oft auf Turnieren unterwegs bin. Da wäre sie viel allein. Wir denken, es schon besser, sie ist in ihrer Heimat.

    

"Damit ich noch besser Dänisch lerne, habe ich beschlossen, das dänische Abitur zu machen."

       

Sie ist auch Badmintonspielerin?
Ja natürlich. Anne Mette Bille, müsste auch in Deutschland bekannt sein. Sie war Mitte der neunziger Jahre eine Top-Spielerin in Dänemark. Hat bei vielen Turnieren im Doppel vorne mitgespielt, stand im Viertelfinale bei der WM. Wir haben uns 1994 in Taiwan kennen gelernt.

Und in Dänemark haben Sie die die ersten Trainererfahrungen gemacht?
2000 hab ich dort angefangen in einem Club. Hab nebenher noch in der Top-Liga gespielt. Mit Skovhoved sind wir sogar einmal Zweiter in der Meisterschaft geworden. Dann hab ich angefangen Dänisch zu lernen und hab dort auch meine Trainerausbildung gemacht. Und damit ich noch besser Dänisch lerne, habe ich beschlossen, das dänische Abitur zu machen. 20 Stunden Training hab ich in der Woche gegeben, den Rest der Tage dann mit Schule und Lernen verbracht. Im Sommer letzten Jahres, bevor ich nach Deutschland kam, bin ich fertig geworden.

Deshalb haben Sie auch im letzten Jahr nicht bereits am 1. Januar beim DBV angefangen?
Ja. Ich wollte das Abitur noch abschließen.

Am Bundesstützpunkt in Saarbrücken sind Sie für die Herren verantwortlich?

Und für Xu Huaiwen, weil sie überwiegend dort trainiert. Achtmal Training in der Woche mache ich - wenn ich da bin. Siebenmal macht Michael Keck. Obwohl Michael den Fokus auf den Doppeln hat, machen wir beide Disziplinen. Wir müssen ja auch alle Disziplinen auf Turnieren betreuen.

Wie oft trainieren die Spieler?

Wir trainieren zwischen 15 und 20 Stunden in der Woche, je nach Periode. Da sind Laufen und Krafttraining allerdings drin. Drei Trainingseinheiten davon machen die Athleten selbständig, bei den übrigen ist immer jemand zur Betreuung dabei.

 

"Zu spät kommen heißt: Die nächsten zwei Trainingseinheiten, dürfen sie nur jeweils zwei Stunden Beinarbeit machen und kein Schlägertraining."

        

Wie groß ist die Gruppe?

Wir haben 14 Leute, also 13 Jungs und Huaiwen. Die sind auch tatsächlich immer da. Sie müssen da sein. Zu spät kommen heißt: Die nächsten zwei Trainingseinheiten, dürfen sie nur jeweils zwei Stunden Beinarbeit machen und kein Schlägertraining. Und das wird auch durchgehalten. Das Wichtigste für mich ist, dass ich weiß, wo die Spieler sind. Wenn sich einer nicht abmeldet, bin ich extrem hart. Wir haben ja mit Huaiwen nur eine  hundertprozentig Professionelle. Alle übrigen machen noch etwas nebenbei, sind bei der Bundeswehr oder studieren. Aber das Training darf darunter nicht leiden.

Wie empfinden Sie die Arbeitsbedingungen am Olympiastützpunkt in Saarbrücken?

Ich bin sehr zufrieden. Wir haben eine richtig gute Halle, nur für Badminton, zwei Krafträume. Wir können alles machen, was wir für Training brauchen. Fußballfeld, Laufbahnen draußen und drinnen, eine Mattengrube für Beinarbeit. Die Uni ist in der Nähe, das ist gut für die Leute. Die Wohnungen sind hier, Mensa, Ärzte und Physiotherapeuten. Einen eigenen Geräteraum haben wir, in dem wir zum Beispiel auch Videoanalysen machen können. Es sind also Arbeitsbedingungen, wie man sie sich als Trainer nur wünschen kann.

Wie beurteilen Sie denn die Entwicklung der deutschen Spieler?
Allgemein geht es ganz gut voran. Seit Januar 2005 haben wir eine neue Periodisierung eingeführt. Zweimal haben wir das jetzt durchgeführt und es hat geklappt, dass wir zum Saisonhöhepunkt die beste Form hatten. In diesem Jahr waren das die EM und Thomas-/Uber Cup. Wie ich es aus meiner Sicht sehe, sind alle Spieler besser geworden. Huaiwen ist vorne in der Weltspitze fest drin. Sie ist enorm gut geworden. Hat viele Turniere gewonnen. Fast unfassbar.

Nur bei der letzten Asientour im Mai ist es bei ihr nicht so gut gelaufen?

Wir hatten den letzten Trainingshöhepunkt bei der EM und bei der Thomas/Uber-Cup Finalrunde gesetzt. Danach hatten wir eine Trainingspause eingeplant. Wie allgemein bekannt, kann man nicht das ganze Jahr Höchstleistungen bringen. Auch das Verletzungsrisiko wird durch solche Regenerationsphasen verringert. Andererseits gab und gibt es in diesem Sommer sehr viele hochwertige internationale Turniere bei denen Weltranglistenpunkte gewonnen werden können. Da kamen wir nicht darum herum, einige zu spielen, obwohl keine Höchstleistungsphase ist. Die Turniere waren für Huaiwen soweit okay, zweimal Viertelfinale bei den Philippine Open und bei den Indonesian Open. In Manila hatte sie Magenprobleme. Danach stand sie noch bei den Taiwan Open im Halbfinale und war sogar Nummer eins in der Weltrangliste. Ausgesprochen gut verlief die Tour für Roman Spitko. Einmal Viertelfinale – in Malaysia, einmal Achtelfinale und einmal zweite Runde. Das bringt ihn in der Weltrangliste nach vorn.

     

"Es sind also Arbeitsbedingungen, wie man sie sich als Trainer nur wünschen kann."

        

Also auch bei den Herren eine positive Entwicklung?
Man muss die Weltrangliste nehmen, dann sieht man, wie sie alle nach oben gegangen sind. Im Einzel, das muss man allerdings sagen, haben wir Probleme gehabt. Marc Zwiebler ist seit langer Zeit verletzt. Und immer noch nicht wieder hundertprozentig fit. Er wird Mitte August nach Saarbrücken zurückkehren. Dann wird er zur Schule gehen und wieder mit uns trainieren. Zurzeit kann er noch nicht auf dem Feld arbeiten, aber er befindet sich mitten in einem Aufbautraining. Björn Joppien hat sich entschieden, in Langenfeld zu bleiben, Sven-Eric Kastens war auch lange verletzt, Dieter Domke musste sich erst auf sein Abitur konzentrieren und konnte nur wenig trainieren. Marcel Reuter ist der Spieler, bei dem man den Leistungsfortschritt am deutlichsten erkennen kann. Roman Spitko haben wir als Einzelspieler erst zurückgeholt. Er muss sich noch weiter entwickeln.

Gibt es eigentlich Unterschiede in der Trainingsmentalität zwischen holländischen, dänischen und deutschen Spielern? Sie kennen ja alle Systeme genau.
Ja, die gibt es schon. Die holländischen Spieler machten – jedenfalls damals, als ich dabei war – ihr Training fast selbst. Sie selbst entschieden, was sie trainieren wollten. In Dänemark wird das Training gut gesteuert. Und es gibt sehr viel Badminton- Know-how. Dennoch sind die Spitzenspieler sehr selbständig. Ihnen ist bewusst, warum sie Dinge machen und können selbst Gas geben. Die Trainer müssen sie nicht erst pushen. Sie arbeiten aus sich heraus, weil sie selbst die Spitzenleistung wollen.
Wir müssen dagegen als Trainer noch mehr helfen, weil die Spieler noch nicht selbständig genug sind.

Diese Eigenmotivation fehlt unseren noch?
In Dänemark sind auch viele ältere Spieler dabei, zum Teil über 30. Die sind natürlich reifer und die Jüngeren lernen von deren Trainingshaltung. Bei uns sind nur Roman und Ingo Kindervater und Kristof Hopp älter, der Älteste 28. Die übrigen sind alle jünger. Wir müssen als Trainer noch mehr helfen, weil sie noch nicht selbständig genug sind. Daher ist es oft unruhig, in der Arbeitsatmosphäre meine ich, weil sie sich mit vielen nebensächlichen Sachen belasten. Deshalb ist es auch notwendig, dass wir viele Vorgaben machen und strenge Regeln aufstellen. Wir müssen unsere Athleten dazu bringen, immer wieder in ihren eigenen Grenzbereich vorzustoßen. Nur dann werden sie besser.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit Chefbundestrainer Detlef Poste, der ja seinen Standort in Mülheim hat?    

Für mich ist es leicht, mit Detlef zu arbeiten. Er gibt 120 Prozent und will 100 Prozent zurück. Wir reden viel miteinander und planen Trainings- und Wettkampfmaßnahmen immer langfristig. Dadurch wissen wir, was wir zu tun haben. Und wenn wir mal nicht übereinstimmen, haben wir Zeit über Lösungsmöglichkeiten nachzudenken. Detlef ist häufig in Saarbrücken und immer auch in der Halle, wenn er mit unserem Sportdirektor Martin Kranitz was zu arbeiten hat.

 

"Für mich ist es leicht, mit Detlef Poste zu arbeiten."

        

Zurzeit steckt die Nationalmannschaft mitten in der Vorbereitungsphase für die WM im September in Madrid. Wie ist der Stand?
Alles läuft sehr gut. Bald werden auch die Spieler, die noch prüfungen hatten, mit allem fertig sein und können dann ihren Fokus hundertprozentig auf Badminton richten. Ein wenig Sorgen bereitet uns Xu Huaiwens Achillessehne. Sie kann daher nicht so viel trainieren, wie sie und wir möchten. Das hat sie auch schon in Taiwen behindert. Ich hoffe, dass die Spieler, die am Ende des Monats bei den Korea Open und den Hongkong Open starten, viele Punkte holen, damit sie eventuell noch einen Setzplatz bekommen.

badminton.de bedankt sich für das Gespräch und wünscht auch für die kommenden Jahre erfolgreiches Arbeiten.

Foto: Aman.

Anne Mette Bille

     

Jeroen van Dijks Ehefrau Anne Mette Bille war dänische Spitzenspielerin im Doppel. Bei den German Open stand sie zum Beispiel 1994 im Endspiel. 1993 erreichte sie bei der WM das Viertelfinale. Sie betreibt in Lyngby einen Shop für Glückwunschkarten zu verschiedenen Anlässen.
Website: www.noble-house.dk.

 

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