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Danke, Heinz Kelzenberg - #ThanksCoach

Zum diesjährigen #ThanksCoachDay möchten wir einen ganz besonderen Trainer und "Badmintonmenschen" vorstellen. Er übt bereits über die Hälfte seines Lebens die Profession des Badmintontrainers, Referenten und vielem mehr aus. Über zwei Jahrzehnte ist er der 1. Vorsitzende des Gesamtvereins TV Refrath. Seine Herzensangelegenheiten sind das Entwickeln von jungen Leistungssportler*innen und das Management der 1. und 2. Bundesliga des TV Refrath. Er ist Autor vieler Bücher, die das Badmintonlernen vereinfachen und erklären. Die Rede ist von keinem Geringeren als Heinz Kelzenberg, DBV-Trainer des Jahres im Nachwuchsbereich 2019. Viel Spaß mit dem Interview und dem darin enthaltenden Blick hinter die Kulissen.

Von Michael Clemens

 

Im Jahr 1990 erhielt Heinz die Chance, die Badmintonabteilung des TV Refrath von „null“ aufzubauen. Zu dieser Zeit war er selbst erst C-Trainer und hatte das Sportstudium an der Deutschen Sporthochschule in Köln nach einigen Semestern abgebrochen. Ein Wendepunkt in der Entscheidungsfindung für Heinz war ein sehr eindrücklicher Satz von Martin Krupp: „Du bringst alles mit, um eine Trainerexistenz aufzubauen. Mach es!“ Um damals seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete Heinz als Kurierfahrer und hatte verschiedene Honorarstellen.

Der TV Refrath ist ein Mehrspatenverein mit über 2.000 Mitgliedern, der 1990 Badminton in sein Programm aufnehmen wollte, zunächst nur mit einer Hobbygruppe. Heinz startete jedoch auch direkt mit Schüler-, Jugend- und Erwachsenentraining, in den folgenden Jahren mit immer mehr ambitionierten Mannschaften. 1993 entwickelte er das sportliche Konzept „Oberliga 2000“, im Jahr 2000 stieg die erste Mannschaft unter der Leitung von Holger Hasse (ehemaliger Chef- und Jugend-Bundestrainer, heute Geschäftsführer Badminton NRW) sogar in die Regionalliga auf. Damals war Heinz schon längst klar, dass er leistungsorientierten Badmintonsport im TV Refrath anbieten möchte. Die Kosten behielt er dabei immer im Auge. Ihm war bewusst, dass die Vision "Bundesliga" nur möglich ist, wenn sich das System selbst trägt. Im Jahr 2001, elf Jahre nach seinem Start als Trainer, wurde Heinz 1. Vorsitzender des Gesamtvereins. Ab diesem Zeitpunkt konnte er vollständig seiner Leidenschaft nachgehen und war völlig unabhängig von anderen Jobs. Heinz beschrieb immer wieder den TV Refrath als eine große Familie.

Heinz erlangte die B-Lizenz im Jahr 1992 und sechs Jahre später die DBV A-Lizenz unter der Leitung von Flemming Wiberg und Dr. Wolfgang Klöckner. Die A-Trainerausbildung beschreibt Heinz als den zweiten Wendepunkt in seiner Professionalisierung zum Badmintontrainer. Das hohe personelle Niveau seiner A-Trainerausbildung mit Teilnehmern wie Poste, Hasse, Brückmann etc. motivierte ihn, sich von hinten nach vorne durchzukämpfen und weckte in ihm eine unersättliche intrinsische Motivation, welche bis heute unlöschbar scheint. Ihm wurden zwei Dinge klar: „Ich möchte professioneller Badmintontrainer werden, aber auf Vereinsebene!"

Parallel zu seiner Tätigkeit im Verein, engagierte sich Heinz seitdem fortan in der Aus- und Fortbildung für Trainer*innen in verschiedenen Verbänden und Ländern. Dazu hat er als Autor oder Mitautor in vielen Werken rund um den Badmintonsport und das Erlernen der Sportart mitgewirkt, u.a. 2014 als Autor von „Shuttle Time“, dem erfolgreichen Schulsportprogramm des Weltverbandes BWF.

Heinz über sein eigenes Trainerdasein, Bildung und die Einbindung der Eltern

Lieber Heinz, was sind Deine Werte und Standards als Trainer?
„Ich sehe mich mehr als Macher, als jemand der analysiert und Denker ist. Ich bin vor allem in der Spielerausbildung sehr experimentierfreudig. Im Training verfolge ich einen individuellen Ansatz, das bedeutet, es wird gegebenenfalls in einer Gruppe auf den Feldern an unterschiedlichen Themen trainiert. Ich denke, ich kann gut koordinieren, was mir den spontanen Wechsel bei den Inhalten erleichtert!“

„Was man von mir erwarten kann? Ehrlichkeit, Direktheit und Engagement, aber auch eine große Leidenschaft für Projekte und Menschen, von denen ich überzeugt bin!“

Deshalb ist die Ausbildung von junge*n Trainer*innen ist eine faszinierende Aufgabe für Dich?
„Ich blicke bereits auf über 30 Jahre Badmintonerfahrung zurück. Ich selbst war nie ein Topspieler und kann mich daher nicht immer so leicht in einen Topspieler hineinversetzen. Aber ich denke, ich kann junge Trainer*innen ganz gut begeistern, inzwischen habe ich in den letzten 20 Jahren über 1000 'Juniortrainer*innen' in NRW ausgebildet. Irgendwie fühle mich auch verpflichtet, das Erlernte und Erreichte als Angebot und Anregung an die nächsten Generationen weiterzugeben. Das ist ein Grund, warum ich schon einige Bücher veröffentlicht habe. Meine Referententätigkeiten in der Trainerausbildung regen mich jedes Mal aufs Neue an! Meine Aufgabe sehe ich neben der Weitergabe von Wissen darin, Ihnen Mut zu machen, etwas verändern zu wollen! Deshalb kann ich mir das Aus- und Fortbilden von Trainer*innen noch lange vorstellen – mindestens bis ich 70 bin!“

Eines Deiner Themen ist auch Elterncoaching. Warum? Worin besteht die Problematik?
„Das Angebot ist in erster Linie für die Eltern gedacht, die den Verein auf Turnieren oder ihr Kind im Coaching unterstützen möchten. Oft greifen kleinere Vereine auf die Unterstützung von Eltern zurück, die ihre Kinder zu den Turnieren begleiten. Elterncoaching ist heutzutage unumgänglich im Wettkampfsport. Meiner Meinung nach gibt es zehn Punkte, die Eltern wissen müssen, bevor sie ins Coaching starten!“

„Aber natürlich ist es auch wichtig, dass die Athlet*innen Erfahrungen ohne ihre Eltern machen können, ganz im Sinne der Charakterentwicklung! Eltern sollten darüber hinaus nicht ihr Leben um ihr Kind herum verplanen. Das baut nur Erwartungsdruck auf und schadet der Entwicklung und Harmonie beider Parteien“.

Heinz Kelzenberg über Badmintonvereine, den TV Refrath und Bundesligavereine

Wie würdest Du den TV Refrath in drei Worten beschreiben?
„Wir sind sehr zielstrebig, darüber hinaus eine große Familie und wir sind derzeit im Umbruch, da ich nicht mehr unendlich lange so viele Aufgaben im Verein übernehmen möchte.“

Du vermittelst auch ein "Vereinscoaching" am Beispiel der Erfolgsgeschichte des TV Refrath?
„Seit einigen Jahren versuche ich das Konzept, welches im TV Refrath zum Erfolg geführt hat, weiterzuvermitteln. Jedoch muss man beachten, dass wir in einer sehr sozial privilegierten Gegend angesiedelt sind und man dieses Konzept nicht einfach auf jeden beliebigen Verein kopieren kann! Jedoch gibt es einige Erfolgswegweiser, wie zum Beispiel:

  • Kurze Entscheidungswege in allen Bereichen
  • Entscheidungsgewalt durch die Trainer und Badmintonexperten
  • Jeder Verein fängt mal klein an! Keine Ausreden!
  • Beiträge erhöhen und Reize bewusst setzen (z.B. faire Trainingszeiten)
  • Eine Vision haben, welche alte Strukturen aufbricht
  • Kooperationen von Schule und Verein
  • Eine Vereinskultur entwickeln, der sich viele zugehörig fühlen“.

Ist der Verein TV Refrath nach Heinz Kelzenberg in Gefahr?
„Es ist ja schon lange kein Geheimnis mehr, dass ich meine Tätigkeiten im Badmintonsport nach und nach reduzieren möchte. Eine Idee war es, einen zweiten Heinz ausfindig zu machen, aber scheinbar bin ich nicht eins zu eins ersetzbar. Trotzdem baue ich seit diesem Jahr Schritt für Schritt meine Stunden ab. Dabei liegt mein Fokus darauf, mit einer neuen Struktur den TV Refrath auf sichere Beine zu stellen! Viele Bereiche werden neu definiert und damit müssen auch neue Verantwortliche gefunden werden. Als Trainer sehe ich mich sowieso als ersetzbar an, als sportlichen Leiter vielleicht noch nicht. Die Organisation der Bundesliga ist ebenfalls ganz schön komplex, das mache ich sicher auch noch ein paar Jahre weiter. Aber im nächsten Jahr werde ich meine Arbeitstage am Wochenende mehr als halbieren, dieses Jahr werden es um die 60 Tage sein, das ist einfach viel zu viel“.

Wie stehst Du zu einer Verpflichtung der Bundesligavereine, Jugendarbeit aktiv zu betreiben?
„Dazu habe ich ganz klare Meinung und in der Vergangenheit bereits am Konzept des Deutschen Badminton-Ligaverbandes (DBLV) mitgewirkt. Bundesligavereine habe eine Vorbildfunktion und müssen eine aktive Jugendarbeit vorweisen, wie können diese sonst auf lange Zeit nachhaltig agieren? Ohne einen breiten Unterbau, kann ein Verein nicht nachhaltig existieren. Zudem ist es wichtig, dass man als Verein auch Kindertraining und Breitensportangebote entwickelt. Leider gibt es immer noch Bundesligavereine, die in dieser Beziehung schlecht arbeiten.“

Rückblicke zum Trainerwerden und das deutsche Badminton

Wie siehst Du aktuell die Entwicklung des deutschen Badmintonsports?
„Aus leistungssportlicher Sicht muss man immer kritisch hinterfragen, ob das begrenzte Geld für die richtigen Maßnahmen ausgegeben wird. Oft habe ich den Eindruck, dass so getan wird, als wenn man ganz vorne in der Weltspitze mitspielen könnte, was (unser Mixed ausgenommen) nicht der Fall ist. Trotz zunehmender Hauptamtlichkeit in unserem Sport hat sich unser Standing im internationalen Vergleich in den letzten Jahren nicht wirklich verbessert, übrigens auch im Nachwuchsbereich nicht. Dennoch empfehle ich meinen besten Jugendspieler*innen den Wechsel, z. B. an den Bundesstützpunkt Mülheim und freue mich, wenn sie es im Erwachsenenbereich an die Bundesstützpunkte Mülheim oder Saarbrücken schaffen und dort gut aufgehoben sind!“

Wie zufrieden bist Du rückblickend mit Deiner Entscheidung?
„Es ist natürlich immer noch schade, wenn ich nach meinem 'richtigen Beruf' neben dem Trainer-dasein gefragt werde, aber ich habe mich längst daran gewöhnt. Es war eine absolut richtige Entscheidung, mein Hobby zum Beruf zu machen und etwas zu tun, was ich, glaube ich, wirklich gut kann. Ohne das Verständnis meiner Frau wäre das aber niemals möglich gewesen, das war und ist wirklich sensationell. Ich freue mich auf die kommenden Jahre und bin gespannt, wie lange meine Leidenschaft noch anhält!“

Danke, Heinz! Und danke an alle Badmintontrainer*innen in Deutschland für Euren unermüdlichen Einsatz für unseren Badmintonsport!

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