Bundestrainer Diemo Ruhnow (Foto/Archiv: BadmintonPhoto).

International

EM-Rückblick der Bundestrainer

Die Bundestrainer Diemo Ruhnow und Jeppe Ludvigsen blicken für badminton.de auf eine Individual-Europameisterschaft zurück, die unter ganz besonderen Umständen in Kiew stattfand.

Von Diemo Ruhnow & Jeppe Ludvigsen

 

Leitender Bundestrainer Doppel/Mixed Diemo Ruhnow:

Ein EM-Resümee aus der Sicht der Diziplinen Doppel und Mixed fällt mir immer noch schwer. Auf der einen Seite haben unsere Athleten Bestleistungen abrufen können, nicht nur die, die in den Medaillenrängen gelandet sind, sondern auch unsere Paare dahinter. Wir haben zwei Medaillen geholt, was ein sehr gutes Ergebnis ist. Und wir hatten zwei Spielerinnen mit guter Leistung auf dem Platz, die nach Verletzungen von unserem Betreuerteam auf den Punkt fit gemacht worden sind. Auch der Olympiaqualifikation sind wir im Mixed einen Schritt näher gekommen, im Herrendoppel ist sie mittlerweile gesichert.

Dennoch: die Nachricht am Sonntagmorgen über den positiven Test von Mark Lamsfuß, die Tatsache, dass Mark bis gestern immer noch in Kiew in Quarantäne war, die Unsicherheit um die Gesundheit unseres Team, das ausgefallene Finale. Das alles hängt immer noch nach und legt sich wie ein Schleier über das Positive des Turniers. Das hat uns allen dann am Morgen den Teppich unter den Füßen weggezogen. Wir wurden mit vielen Fragezeichen und Unsicherheiten, was die Kontaktnachverfolgung, Nachtests, Zwangsquarantäne, die anfangs mit 13 Tagen Minimum in der Ukraine angegeben war und natürlich in erster Linie unser aller Gesundheit betraf, konfrontiert.

Dass sich letztendlich kein weiterer Athlet aus unserem Team angesteckt hat, weder Doppelpartner*in noch Betreuer*innen, zeigt zum einen, dass die allgemeinen und unsere Sicherheits- und Hygienemaßnahmen vor Ort und vor der EM gut gegriffen haben, dass aber - insbesondere im dicht besetzten Flieger - nicht alles lückenlos abzusichern ist, trotzt bester Masken, Hygiene, usw. Diese Unsicherheit schwingt momentan - wie im gesamten Leben - einfach mit. An dieser Stelle auch schon mal ein Lob an unseren Stützpunktleiter Hannes Käsbauer, dessen Arbeitsumfang sich durch Corona, die gesamte Teststrategie insbesondere vor und nach Turnieren, die Umsetzung der Hygienemaßnahmen und den Behördenkontakt mehr als verdoppelt hat und der hier einen super Job macht.

Wir hatten für die direkte EM-Vorbereitung vier Wochen angesetzt und mit einem leicht veränderten Trainerteam in Saarbrücken war dies mit vielen Umstellungen zu meistern. Jeppe (Ludvigsen, Anm. d. Red.), der seit sechs Monaten vor allen Dingen für die Herrendoppel zuständig ist und eine hervorragende Arbeit macht, hatte die „Road to Kiew“ ausgegeben mit individuellen Bustickets, Zielstellungen und Aufgaben für jeder*n Athlet*in und der Prozess mit dem Ziel 'Medaillen' war gestartet. Das gesamte Team, unsere Athletiktrainer Marcel Wilbert und Oli Mülbredt, Sportpsychologe Moritz Anderten, medizinisches Personal mit Karen aus der Fünten im Zentrum hat - wie immer - sehr gut gearbeitet, die Spieler*innen haben unglaublich hart und fokussiert gearbeitet, so dass wir überzeugt waren, dass die Individual-Europameisterschaft eine gute wird.

Und die Leistungen waren auch entsprechend. Vorne weg Mark & Marvin, die ein paar Stresssituationen gegen die schottischen Grimley-Brüder (6:12-Rückstand im zweiten Satz) und im Viertelfinale gegen die Briten Lane/Vendy (13:16 im dritten Satz) meisterten, um dann im Halbfinale die Nr.1-gesetzten Dänen, gegen die wir eine 1:7-Bilanz hatten, mit einer grandiosen Leistung 'wegfegten'. Es wäre dann im Finale auch sehr viel möglich gewesen.

Dann Mark & Isabel, die im Viertelfinale gegen die in der Olympiarangliste vor ihnen platzieren Nr.15 der Welt mit 21:8, 21:12 das wohl schwerste Viertelfinale meisterten. Auch Jones und Peter lieferten ein absolutes Topspiel und Bestleistung gegen die Nr.11 der Welt, konnten aber in einem großen Kampf vier Matchbälle - genau wie Bell und Mark im Halbfinale im Mixed - nicht nutzen. Sonst wären es noch mehr Medaillen und andere Farben gewesen. Aber auch Jones im Mixed mit Kila (Kilasu Ostermeyer, Anm. d. Red.) zeigte Potential, schafften es leider nicht im dritten Satz eine 11:8- und 16:13-Führung zu nutzen, um ihr Medaillenspiel zu erreichen. Bei den beiden Damendoppel-Paarungen waren wir sehr glücklich zum einen, Linda (mit Isabel) und Stine (mit Annabella) nach einer Reha-/Aufbauphase nach Überlastung aus der Olympiaqualifikation bzw. einer Trainingsverletzung dabei zu haben und zum anderen in den jeweiligen ersten Spielen sehr gute Leistungen zu sehen. Gegen die jeweils höher gesetzten Gegnerinnen war dann logischerweise noch etwas der Trainingsrückstand anzusehen und leider kein Sieg drin.

Alles in allem waren es extrem gute Leistungen auf dem Platz, zwei Medaillen gewonnen bei der wichtigsten EM in diesem Fünf-Jahres-Olympiazyklus. Wenn ich jetzt auf die letzten zwei Monate vor Tokio 2021 schaue, stimmt mich das sehr positiv und wir werden versuchen, weiterhin das Maximum herauszuholen. Natürlich auch mit dem Wissen im Hintergrund, wie fragil das ganze Gebilde, gerade in der heutigen von Corona-geprägten Zeit, ist.

Bundestrainer Doppel/Mixed Jeppe Ludvigsen:

Wie soll man dieses beeindruckende Turnier von unserer Seite Revue passieren lassen?

Zunächst können wir Mark und Marvin gratulieren, denn sie haben einige der besten Spiele ihrer Karriere gezeigt. Ins Endspiel sind beide hungrig gegangen, völlig überzeugt davon, den Titel nach Hause zu holen. Das Niveau, das sie in der Ukraine gezeigt haben, bestätigt erneut, dass diese beiden Männer das Zeug dazu haben, im internationalen Badmintonsport weit zu kommen.

Unser Team hatte seit neun Jahren nicht mehr so viel Erfolg bei einer Individual-Europameisterschaft und wenn wir mit dem Titel im Herrendoppel nach Hause gegangen wären, wäre es der erste Doppeltitel seit fast 50 Jahren gewesen

Mark Lamsfuß/Isabel Herttrich und Peter Käsbauer/Jones Jansen waren in ihren Spielen jeweils nur einen einzigen Punkt vom Einzug in die nächste Runde entfernt - und hätten damit für eine noch bessere (Medaillen)-Bilanz gesorgt.

Dies zeigt, dass wir als Organisation die Spieler und Spielerinnen in die Lage versetzen können, herausragende Leistungen zu erbringen. Unsere Spieler und Spielerinnen haben gezeigt, dass die harte und kluge Arbeit, die sie geleistet haben, zu einem hohen Leistungsniveau führt - wenn es am meisten darauf ankommt.

Insgesamt sollten wir mit der Gesamtleistung zufrieden sein und mit jeder Menge Selbstvertrauen nach Hause gehen, aber auch mit der Motivation, sich im Training weiter zu verbessern.

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