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Kay Witt: "Positive Verstärkung ist alles"

Kay Witt ist dem Badmintonsport mit 14 Jahren recht spät, aber dafür umso mehr verfallen. Sich selbst bezeichnet er als absoluten Wettkämpfer, weshalb er immer lieber Turniere spielte als zu trainieren. Viele Jahre konnte man ihn in der 2. Bundesliga aufschlagen sehen. Ebenso beachtlich ist der Werdegang seiner Trainerlaufbahn, die bereits fünf Jahre nach seinem Badmintoneinstieg begann.

Von Michael Clemens

 

Im Gespräch kann mir Kay die Jahresdaten nennen als wäre es erst gestern gewesen: Mit 19 Jahren (1976) beginnt er in seinem Verein Training zu geben. In den Folgejahren durchläuft er die klassische Trainerausbildungslaufbahn vom C- zum A-Trainer. Diesen schloss er 1986 erfolgreich ab. Bereits fünf Jahre später erhielt er die Möglichkeit als Landestrainer Badminton in Berlin zu arbeiten. Diese Anstellung hat er bis heute behalten und erzählt mir voller Freude von dem Zustandekommen dieser Stelle. Er führte aus, dass Berlin schon immer ein leistungssportorientiertes Bundesland war und sich deshalb nach der Wiedervereinigung versichern wollte, die Trainer*innen aus der ehemaligen DDR durch Anstellungen als Landestrainer in Berlin zu halten. Im Zuge der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2000, schuf das Bundesland 100 Landestrainerstellen. Eine davon fiel für ihn ab. Er ist froh darüber die Entscheidung getroffen zu haben, diesen Berufsweg einzuschlagen. Seine Anstellung sei immer komplikationslos verlängert worden und ist seit einigen Jahren unbefristet. Kay ist inzwischen 64 Jahre alt und hat er vor einigen Wochen sein 30-jähriges Jubiläum als Landestrainer gefeiert. Er erzählt mir, dass er zum 31.12.2022 den Schläger und die Trillerpfeife aus der Hand legen wird, um dann vordringlich zuhause die Familie zu terrorisieren: Papa ante portas!

Er erzählt mir das mit einem weinenden und lachenden Auge. Nach seinem Ausscheiden wird die Landestrainerstelle mit großer Wahrscheinlichkeit vom Landessportbund Berlin gestrichen und an den Verband Berlin/Brandenburg abgegeben. Dieser erhält zwar dafür weiterhin finanzielle Mittel, aber die Dauer der Zuwendung ist völlig offen und somit für den BVBB auch nur schwer planbar, wenn es um die Einstellung einer Nachfolge für Kay geht. Was Kay in den 30 Jahren erlebt hat, welche Schwierigkeiten er in der Zukunft sieht und was er mir mit auf dem Weg geben wollte, erfährt man im folgenden Interview.

Kay, wann wusstest Du: „Ja, das ist meine Berufung“?

„Mein erster Schritt ins professionelle Trainerdasein wurde durch die B-Trainer-Ausbildung bei Martin Knupp Anfang der 80ziger Jahre initiiert. Martin gab mir viele neue Impulse und hat mich in meiner Ausrichtung auf die Trainertätigkeit bestärkt und viele Jahre auch begleitet. Weiterhin sehr geprägt hat mich die Elitetrainerausbildung Anfang der 90er Jahre bei Wolfgang Klöckner, Flemming Wiberg und Günter Huber. Im Zuge der Ausbildung erhielten die fünf Auszubildenden zwei Jahre lang ein Mentoring, um sich als Trainer zu professionalisieren. Gelernt habe ich vor allem wie Badminton, Kommunikation, Handeln und Interaktion funktioniert. Die zwei Jahre haben mich inspiriert und die Leidenschaft der ausbildenden Trainer haben mich motiviert, einen Großteil meines Berufslebens in den Nachwuchsleistungssport zu investieren.“

Was sind Deine Werte und Standards als Trainer?

  • Zuverlässigkeit: „Für mich persönlich der wichtigste Wert, der mich davor beschützt, gesund zu bleiben. Das bedeutet auch, das man pünktlich absagt. Da ich jede Trainingseinheit plane, ärgern mich (unnötige) kurzfristige Absagen enorm.“
  • Kommunikationsfähigkeit: „Darunter verstehe ich Ehrlichkeit und Offenheit. Den besten Kontakt konnte ich zu Spieler*innen aufbauen, mit denen ich in den Dialog gekommen bin.“
  • Geduld: „Als Trainer*in braucht man unendlich viel Geduld. Man sollte stets den Prozess positiv begleiten und bestärken.“
  • Mut haben, Fehler einzugestehen: „Trotz meiner geplanten Trainingsdokumentation bin ich in der Trainingsgestaltung kreativ. Hierbei unterlaufen mir natürlich auch Fehler. Wichtig ist, diese zu reflektieren und daraus zu lernen.“

Wie beeinflusst Du die Kultur in deiner Trainingsgruppe?
„Zu uns kommen die Athleten*innen tröpfchenweise, also habe ich den großen Vorteil, dass diese Athlet*innen von der vorherrschenden Kultur aufgefangen und in sie integriert werden. Verstöße oder Abweichungen von unseren Werten & Standards kann ich aufgrund der Gruppengröße immer in Einzelgesprächen klären. Als ich vor einigen Jahren ein Grundschulprojekt mit Zweitklässlern geleitet habe, startete ich unmittelbar am Anfang mit dem Aufbau eines Regelgerüstes. Bisher hat sich meine Art gepaart mit wenigen aber konsequenten Regeln, durchgesetzt. Nur bei rechtzeitigen Trainingsabsagen ist bei einigen noch „Luft nach oben“. Besonders Personen, deren Vorname mit „Ti“ anfängt, sind hier offensichtlich regelresistent.“

Was ist Deine Methode der Technikvermittlung?
„Ich trainiere nur in Kleingruppen und meine verwendete Methode ist Individualität. Ebenso bin ich überzeugt davon, dass mehrere Wege nach Rom führen. Was bei Kian funktioniert, klappt bei Eva noch lange nicht. Jede*r hat sein eigenes Lerntempo und auch seine eigene Lernstrategie. Die Kunst ist es, hier die richtigen Knöpfe zu finden und zu drücken (was mir natürlich nicht immer gelang und gelingt). Die Kommunikationsfähigkeiten beider Partner spielen hier eine entscheidende Rolle für eine positive Entwicklung. Weiter ist die Grundhaltung zu den Athleten*innen das 'A und O' meiner Arbeit. Es ist äußerst bemerkenswert, was die Kinder- und Jugendlichen bei uns in der Halle leisten. Ihre zeitliche und körperliche Belastung ist enorm und mit dem Arbeitsalltag eines Erwachsenen überhaupt nicht vergleichbar. Das Motto: „Nicht geschimpft ist fast gelobt“ sollte in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen in der Technikausbildung (und auch grundsätzlich) nicht zur Anwendung kommen. Positive Verstärkung ist alles!“

Was hast Du in den letzten 30 Jahren als Landestrainer in Berlin erlebt?
„Seit ich die Landestrainerstelle angenommen hatte, arbeite ich autonom. Das bot mir zum einen die Möglichkeit auszuprobieren was ich wollte, zum anderen musste ich alle selbst machen und mir fehlte oft die Supervision. Oft hatte ich das Gefühl in meiner eigenen Blase gefangen zu sein, lediglich die Rückmeldung der Athleten*innen und ab und zu auch von Kollegen*innen bot mir Reflexion. Die letzten Jahre haben wir vor Ort ein Trainerteam aufbauen können, welches mir half, mich nochmals deutlich zu verbessern.“

„Da der Landesverband Berlin-Brandenburg (BVBB) sehr leistungsorientiert ist, werden in den Leistungssport viele Ressourcen investiert. Seit 1974 gibt es die Möglichkeit für förderungswürdige Athleten*innen an das Landesleistungszentrum zu wechseln und täglich zu trainieren. Begünstigend hinzu kommt, dass unser Leistungssportsystem im BVBB anerkannt ist und dadurch die Kooperation mit den Vereinen gut funktioniert.“

„Ende des letzten Jahrtausends gab es zudem für den BVBB die Möglichkeit, Schüler*innen in das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB) einzuschulen. Seitdem bilden wir regelmäßig in Gruppen von 8-12 Personen an dieser Eliteschule des Sports aus. Ohne die Kooperation mit dieser Schule wären die erzielten Erfolge der letzten 20 Jahre nicht möglich gewesen. Alle Spieler*innen (die bekannteste ist sicherlich Carla Nelte), die den Sprung an einen DBV-OSP geschafft haben, gingen hier zur Schule. Großartige Schule!“

Die Leitlinie am Stützpunkt?
„Wir verfolgen hier ganz klar einen Leistungssportgedanken. Unser Ziel ist es den Athleten*innen die Chance zu bieten, nach dem Ende der Schullaufbahn an einen der Bundesstützpunkte O19 gehen zu können. Wir arbeiten im Trainerteam stets daran, die Konditionen für unsere Spieler zu verbessern. Erst vor drei Jahren konnten wir einen Athletiktrainer verpflichten, der uns seit her einen großen Mehrwert bietet. Vor allem seinen Input im Bereich Regeneration und Belastung half unseren Spieler*innen. Seitdem können wir signifikant weniger systemische Verletzungen und einen gesünderen Lebensstil bei den Athleten*innen feststellen. In der Zukunft liebäugeln wir mit der Einstellung eines Sportpsychologen, um so noch kompetenter im Trainerteam ausbilden zu können.“

Was hat sich die letzten 30 Jahren im Badminton verändert?
„Das Spiel ist generell deutlich schneller und athletischer geworden. Zudem sind die Ballwechsel im Durschnitt länger und das Bild der Schlagtechnik hat sich verändert. Heute gibt es viele Schlag- und Lauftechniken, die vor 30 Jahren noch völlig unbekannt waren.“

„Das Internationale Wettkampfsystem hat sich stark verändert. Heutzutage gibt es in Europa nicht nur international Erwachsenenturniere, sondern auch Turnierserien für U13 bis U19. Aktuell können Jugendliche fast jedes Wochenende ein Turnier irgendwo in Europa spielen und Punkte für die Rangliste sammeln. Meiner Erfahrung nach ist dies ein großer Gewinn für die Jugendlichen, weil sie durch Gegner aus anderen Ländern mit anderen Spielsystemen konfrontiert werden. Ebenso sorgen die Turniere und das Reisen für Abwechslung und es motiviert die Athleten*innen, weiter hart an ihren Zielen zu arbeiten.“

„Wir Deutschen haben schon seit einiger Zeit den Ruf der 'Friemel', weil wir die Angewohnheit haben, die Sportart bis auf das kleinste Detail zu zerlegen. Dadurch hat sich meiner Meinung nach in den der Vergangenheit der Ausbildungsfokus in großem Maße auf die Bewegungsebene konzentriert. Ich halte eine frühe Ausbildung der Handlungsfähigkeit für immens wichtig, und diese sollte in den Vordergrund gerückt werden. Das heißt jedoch nicht, dass die Ausbildung auf der Bewegungsebene zu kurz kommen darf: Ohne Werkzeuge ist es schwer, ein Haus zu bauen!“

Wie ist es Dir gelungen, Dich auf dem aktuellen Stand zu halten?
„Anfang der 90er Jahre waren wir ein Trainerteam aus fünf Personen, die im Jugendbereich für den DBV gearbeitet haben. Regelmäßig haben wir uns zu Klausurtagungen getroffen und uns dort drei Tage lang intensiv ausgetauscht. Die Diskussionen mit Rainer Diehl, Holger Hasse, Stefan Dreseler, Detlef Poste und nicht zuletzt Bernd Brückmann haben meine weitere Trainerkarriere geprägt und mich besser werden lassen. Einige der dort entstandenen Ideen (wie die Schaffung eines deutschlandweiten NSP-Systems) konnten dann auch umgesetzt werden.“

„Ebenso bekomme ich durch meine Berliner Kollegin Carla Strauß, die ja auch für den DBV in mehreren Bereichen tätig ist, die neuesten Entwicklungen aus dem deutschen Badmintonsport mit. Unser Athletiktrainer Florian Baake, der anfangs von Badminton null Ahnung hatte („badmintondumm wie ein neugeborenes Kaninchen“), aber zuvor selbst Leistungssportler und Kaderathlet in einer zugegebenermaßen merkwürdigen Sportart war, brachte eine völlig neue Sichtweise von außen auf unsere Arbeit und konnte viele neue Akzente setzen, die unser Team (und damit auch mich) auf eine höhere Stufe geführt haben."

„Zudem komme ich auf internationalen Turnieren mit Trainerkollegen*innen in den Austausch und kann mir dort einen Überblick über das Leistungsniveau der europäischen Konkurrenz verschaffen.“

„Weiter bietet der Landessportbund Berlin Fortbildungen zu viele sportübergreifenden Themen an. Mein Eigeninteresse hilft half mir hierbei, stetig etwas Neues mitzunehmen. Vor allem der Bereich Konfliktmanagement hat mich in den letzten Fortbildungen begleitet.“

Welche Probleme siehst Du aktuell am Beruf des/r Trainers*in?
„Der Trainerberuf hat ein hohes Anforderungspotential inne: Häufig ist der Trainer die eierlegende Wollmilchsau. Dieses gilt insbesondere für den Bereich im Leistungssport. Hier werden die Anforderungen immer komplexer, in der Folge davon sind viele damit überfordert. Tausendsassas wie Kollege Thies Wiediger aus NRW, der nicht nur Landeskaderspieler*innen ausbildet, das europäische Schiedsrichterwesen auf eine höhere Ebene führt und sogar alle Bundesstaaten der USA auswendig aufsagen kann (bis auf Maryland), werden auch nicht jeden Tag geboren. Spaß beiseite: Eine Lösung wäre die, sich zu spezialisieren und dann im Team, in das jeder seine Fähigkeiten einbringen kann, zu arbeiten – wie es in den Profisportarten die Regel ist. Die finanziellen Rahmenbedingungen machen es den Verbänden aber schwer bis unmöglich, diesen Weg zu beschreiten.“

„Ich kann allen, die im Trainerberuf tätig sind, nur empfehlen, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen und sich hier insbesondere dem „Berufsverband der Trainer*innen im Deutschen Sport“ (BVTDS), in dem einige Personen aus dem Badmintonbereich federführend sind, anzuschließen. Diese Organisation hat sich gegenüber dem DOSB und dem BMI Gehör verschafft und kämpft dafür, den Trainerberuf aus seinem gesellschaftlichen und finanziellen Schattendasein herauszuführen. Danke an dieser Stelle an den BVTDS!“

„Vergleicht man nur das Anforderungspotential mit der Reputation und der Bezahlung, fällt die Gewichtung leider ungünstig aus. Zudem ist der Arbeitsmarkt mit dem Vorhandensein von gut dotierten Stellen und akzeptablen Arbeitsbedingungen äußerst überschaubar in Deutschland.“

Kay Witts Werdegang als Trainer:

  • 1976 Vereinstraining übernommen
  • 1986 A-Trainerausbildung abgeschlossen
  • 1991 Landestrainer Berlin
  • 1989-1991 Elite-Trainer-Ausbildung beim DBV
  • bis 1999 Bundeshonorartrainer U15
  • 1999 Geburt der Tochter
  • 2004-2008 Bundestrainer Nachwuchsstützpunkte
  • 2021 30-jähriges Jubiläum als Landestrainer in Berlin

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